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William Faulkner: Eine Rose für Emily

- Inhaltsangabe und Interpretation -

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Das hat noch gefehlt: Die bekannteste Kurzgeschichte eines der bekanntesten amerikanischen Autoren - Faulkner in Wir-Perspektive über eine Frau als menschliches Monument mit Rissen.

 

Inhaltsangabe

In ihrem vierundsiebzigsten Lebensjahr stirbt in der Stadt Jefferson im US-Bundesstaat Mississippi die unverheiratete Miss Emily Grierson. Bis zu ihrem Tod bewohnte sie als letzter Spross einer angesehenen und stolzen Familie alleine mit einem schwarzen Diener ein altmodisches Haus. Es liegt in einer Gegend, die einst die beste der Stadt war, jetzt aber heruntergekommen ist.

In Emilys Jugend sorgte ihr strenger Vater dafür, dass eventuelle Liebhaber auf Abstand blieben. Sie hat deshalb lange keinen Liebhaber. Als sie auf die dreißig zugeht, stirbt der Vater, und schon kurz danach wird der aus den Nordstaaten zugewanderte Vorarbeiter Homer Barron zum Liebhaber von Emily. Doch Homer erweist sich als wenig treu.

Eines Tages geht Emily in die Apotheke und kauft Arsen. Danach beschweren sich Nachbarn über Verwesungsgerüche, die von Emilys Haus ausgehen. Man glaubt, Emily habe Ratten vergiftet. Da sich aber niemand traut, ihr zu sagen, dass es bei ihr schlecht riecht, dringen ein paar Männer heimlich auf ihr Grundstück vor und streuen in der Dunkelheit heimlich Kalk. Der Geruch verschwindet, Homer wird nicht mehr gesehen.

Emily geht immer seltener aus; eine Zeitlang gibt sie Mädchen Unterricht in Porzellanmalerei, doch irgendwann will das niemand mehr lernen, und Emily wird kaum mehr gesehen. Etwa zu dieser Zeit stirbt der Bürgermeister Oberst Sartoris; er hatte nach dem Tod von Emilys Vater dem Waisenkind Steuerfreiheit auf Lebenszeit eingeräumt. In der Stadtspitze wird die alte Generation nun allmählich durch eine neue, modern denkende verdrängt. Man schickt Emily Steuerbescheide, die diese aber ignoriert. Auch eine Delegation von Stadtverordneten kann daran nichts ändern: Emily zahlt keine Steuern.

Eines Tages ist Emily dann tot. Neugierig strömen die Bürger herbei, um das Haus zu untersuchen, das seit zehn Jahren niemand mehr betreten hat. Der Diener lässt sie ein und verschwindet dann für immer. Im oberen Stockwerk entdecken die Bürger ein Schlafzimmer. Im Bett liegt die stark verweste Leiche eines Mannes, und daneben finden sie den Abdruck eines Kopfes und ein langes graues Haar.

Interpretation

Die Geschichte ist aufgrund der vielen Zeitsprünge nicht einfach zu lesen und noch schwerer zu verstehen. Die Erzählperspektive ist ebenfalls ungewohnt: Faulkner verwendet einen anonymen Ich-Erzähler, der nie in der ersten Person Singular auftritt, sondern nur als "Wir" auftritt. Man könnte demnach sogar von einer Wir-Perspektive sprechen. (Nebenbei bemerkt: Eine ähnliche Technik verwendet Flaubert im ersten Kapitel der "Madame Bovary" und Jeffrey Eugenides in "Die Selbstmord-Schwestern".)

Dass Faulkner nicht der Reihe nach erzählt, sieht man schon daran, dass er gewissermaßen mit dem Ende der Geschichte beginnt: dem Tod von Emily.

Als Miss Emily Grierson starb, ging unser ganzes Städtchen zum Begräbnis: die Männer aus einer Art verehrungsvoller Anhänglichkeit an ein gestürztes Monument, die Frauen meistens aus Neugier, um das Innere des Hauses zu sehen, das in den letzten zehn Jahren niemand außer einem alten Diener der gleichzeitig Koch und Gärtner war gesehen hatte.
Rückblenden und Zeitsprünge

Vom Ende ausgehend, macht der Erzähler immer wieder verschiedene Rückblenden und Zeitsprünge. Er erzählt, was ihm gerade einfällt. Beispiel: Von dem Versuch der Stadtväter, Emily zum Steuerzahlen zu bewegen, geht er über zu einer Episode dreißig Jahre davor: die Stadtoberhäupter versuchen, den Verwesungsgeruch zu bekämpfen. Diese Sprünge machen es dem Leser schwer, das Geschehen im Kopf wieder zusammenzusetzen. Dies war Faulkner bewusst; er fordert vom Leser, dass er sich anstrengt. Der Autor weigert sich, in der Pose des besserwissenden Erzählers aufzutreten, der dem Leser die Geschichte ordentlich herunterbetet.

Erzähler auf Augenhöhe

Stattdessen befindet sich der Erzähler auf Augenhöhe mit dem Leser. Der Erzähler hat keinen direkten Zugang zu Emilys Privatleben, er scheint auf die wenigen öffentlichen Auftritte angewiesen zu sein, und auf Gerüchte. Oft weiß man nicht, ob er das Erzählte selbst beobachtet hat, oder ob er das Gerede der Leute nacherzählt. Insofern begibt sich der anonyme Erzähler in die Nähe einer auktorialen, allerdings nicht allwissenden Position.

Wenn das Geschwätz der Alten in der Stadt eine Hauptquelle für die Erzählung ist, dann werden auch die Zeitsprünge verständlich. Denn alte Leute bringen "die Zeit mit ihrem mathematischen Vorrücken durcheinander", wie der Erzähler einmal bemerkt, als er die Gäste der Trauerfeier für Emilys Vater beschreibt - in einer schönen, wenn auch ein wenig barock-lyrischen Stelle:

"ganz nach alter Leute Art, denen die Vergangenheit nicht eine schmaler werdende Straße, sondern im Gegenteil eine weite Wiese ist, die kein Winter je ganz berührt und von der sie jetzt nur durch den Engpass des allerletzten Jahrzehnts getrennt sind."
Für das Gedenken an Emily

Der Titel der Geschichte macht klar, dass der Erzähler seine Geschichte als letzte Ehrerbietung für Emily versteht, gewissermaßen als Rose, die er ihr auf den Sarg legt. Dabei ist er keineswegs ein Bewunderer von Emily, sonder hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihr. Anfangs beschreibt er das verschnörkelte, alte Holzhaus der Griersons, das als letztes Monument vom vergangenen Glanz der Südstaaten zeugt. Damit charakterisiert Faulkner gleichzeitig die Hausbewohnerin Emily: Sie ist ein Kauz, ein Überbleibsel der alten Oberschicht, für deren Halsstarrigkeit der Erzähler allerdings manchmal auch Sympathie hat. Sie ist ein Relikt inmitten der industrialisierten Moderne mit ihren Autos und Baumwollfabriken. Sie ist ein Opfer ihres strengen Vaters, der sie zur alten Jungfer macht.

Als der Vater stirbt, macht sie den Versuch, der Einsamkeit zu entkommen. Ihr Liebhaber, der Vorarbeiter Barron, der die ersten Bürgersteige in Jefferson baut, ist ein Repräsentant der Moderne. Die alten Damen tuscheln, aber Emily setzt sich darüber hinweg das hat etwas fast Heroisches. Doch Barron hält nicht, was er verspricht, und so bringt sie ihn um, lebt zukünftig in einer Scheinwelt, legt sich abends neben den Leichnam zum Schlafen nieder, als wäre er ihr lebendiger Ehemann. Diese makabre Vorstellung erinnert moderne Leser ein wenig an Hitchcocks Film "Psycho". Es gibt also sympathische und unsympathische Züge an Emily. Weder der Erzähler noch Faulkner verurteilt sie. Das Urteil muss sich der Leser selber bilden.

Aus Autorensicht

Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um die Geschichte zu verstehen. Die Zeitsprünge sind so exzessiv, dass man schon fast einen Dreisatz machen muss, um alles zu entwirren. Wenn es heißt: vor dreißig Jahren, dann ist zudem nicht immer klar, ob gemeint ist: dreißig Jahre vor Emilys Tod oder dreißig Jahre vor dem, was gerade erzählt wurde. Am Schluss habe ich mir mit Papier und Bleistift eine Zeitskala gemalt, um Ordnung in die verschiedenen Zeitsprünge zu bringen. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich alles richtig wieder zusammengefügt habe. Das zeigt, wie schwer es Faulkner seinen Lesern macht. Für meinen Geschmack ist das zu kompliziert, man stolpert immer wieder aus der Geschichte heraus, muss sie mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Faulkners Roman "Das Dorf" fand ich leichter, spannender und streckenweise auch lustig. Alles in allem kann ich verstehen, warum Faulkner im Vergleich zu Hemingway eher ein Schriftsteller für die Feuilletons als für die Leser geblieben ist.

William Faulkner

Der 1897 geborene Amerikaner William Faulkner hieß bis in die 20er-Jahre Falkner. Faulkner brach 1915 sein Studium ab und trat der kanadischen Luftwaffe bei, nahm aber nicht mehr am Ersten Weltkrieg teil. Durch Romane wie Schall und Wahn (1926), Licht im August (1935) und Absalom, Absalom! (1936) wurde er bekannt und erhielt 1950 den Nobelpreis für Literatur. Er beschrieb in seinen Werken fast immer die Südstaatengesellschaft des fiktiven Yoknapatawpha County in Mississippi, in dem auch Jefferson liegt. Perspektivewechsel und allgemein eine recht komplizierte Erzählweise machen den Zugang nicht immer leicht. Faulkners Kurzgeschichten, die er manchmal später in Romane integrierte, sind weniger bekannt. Eine Ausnahme ist A Rose for Emily. Da Faulkner nicht von seinen Romanen leben konnte, schrieb er nebenbei Drehbücher für Hollywood. Er starb 1962.

Bibliographisches

Letzte Änderung: Juli 2007

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